CR233: Glasfaserausbau

Wo geht’s hier zum Gigabit?

Von der Politik werden regelmäßig mit salbungsvollen Worten neue Netzallianzen angekündigt, Zukunftsoffensiven gestartet und Eckpunkteprogramme vorgestellt. Doch allen Versprechungen zum Trotz dümpeln Daten derweil durch dünne DSL-Drähte. Die deutsche Telekom setzt auch im dritten Jahrtausend mehrheitlich auf alte, längst überholte Übertragungswege. Die Politik der Gießkanne versagt. Der Breitbandausbau stagniert.

Was ist der Status Quo? Was sind die Alternativen? Was kann die Politik besser machen? Das diskutiert Marcus Richter mit seinen Gästen Stefan Wahl, Johannes Lenz-Hawliczek, Phils und Mutax. Den Stream gibts von Fritz oder per Video auch vom VOC.

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9 Antworten auf CR233: Glasfaserausbau

  1. er1c sagt:

    Diese Folge hat mich offen gesagt enttäuscht. Jeder, der sich mit Zugangstechnologien befasst, weiss doch, dass auch mit VDSL die Glasfaser immer näher an den Endkunden rückt und dies nur ein evolutionärer Zwischenschritt ist – um die Kosten über einen möglichst langen Zeitraum zu strecken – und eben gerade keine Bremse für Glasfaser. Auch wird dort, wo FTTH bereits läuft, in der Regel ganz genauso asymmetrisch angebunden, umgekehrt gibt es durchaus DSL Spezifikationen mit denen symmetrisch gearbeitet werden könnte. Diese werden aus dem selben Grund nicht eingesetzt, wegen dem FTTH meist asymmetrisch vermarktet wird. Die Provider wollen gar nicht diesen hohen Upload-Traffic vom Privatkunde im Netz haben, gar die Endnutzer dazu animieren, eigene Server zu betreiben (bzgl. der riesigen Sicherheitslücken in privaten Clouds würde ich da, aus anderen Gründen, sogar ausnahmsweise zustimmen). Das ist ein ganz anderes Thema und hängt nicht am Medium (btw, auch mit VDSL100, mit 40er Upload, muss niemand mehr stundenlang den Rechner anlassen um 30 Fotos hochzuladen, 40 mbit pro Sekunde sind ja immerhin 5 mbyte pro Sekunde (!), d. h. bei voller Auslastung des Uploads könnte man rechnerisch pro Minute 300 mb Fotos hochladen, in 10 Minuten wären das 3 GB – das sollte auch ausreichen, um der Schwiegermama unterwegs mal die Babyfotos aus der Owncloud zu zeigen).

    Auch ist die TAL kein “Klingeldraht”, das ist eine Art “Kampfbegriff” um die TAL möglichst altmodisch erscheinen zu lassen. Womit ist aber das Ethernet in aller Regel verkabelt, auch im Gigabitbereich? Mit Kupferdraht. Womit sind Endgeräte im Inneren in aller Regel verdrahtet? Mit Kupferdraht. Kupfer ist das allgegenwärtige Übertragungsmedium und mitnichten ist die letzte Kupfermeile der Flaschenhals – nicht mehr, dank VDSL, Supervectorung und was derzeit in Entwicklung ist. Der Flaschenhals ist zunehmend das Verteilnetz dahinter. Unabhängig von FTTH, VDSL oder auch Docsis-Coax.

    Im Übrigen, das ach so zukunftsfähige FTTH Medium wird in der Regel per GPON verlegt. Ein shared medium. In welche Sackgasse man damit läuft merken wir gerade beim Coax-Kabel, wo die Provider gigantische Probleme und Ausbaukosten mit dem Phänomen “Segmentüberlastung” haben. Man kann FTTH auch anders verlegen, so wie einst die TAL zwei dedizierte Fasern pro Endanschluss. Aber genau das wird selten gemacht, d. h. in ein paar Jahren, wenn aus GPON auch keine Bandbreitensteigerungen mehr herausgekitzelt werden können, muss wieder aufgegraben werden. Auch dazu leider kein Wort.

    Sorry, wenn ich das so direkt sagen muss, aber diese Sendung erinnerte mich streckenweise eher an die typischen “FTTH Fanboys” aus diversen IT Foren, als an eine differenzierte Beleuchtung des Themas.

    Dazu passte dann auch die unsachliche These, der “Klingeldraht” der Bundespost sei einst an ein Privatunternehmen “verschenkt” worden. Im Zuge der Privatisierung der Telekom hat der Bund riesige Milliardenbeträge eingenommen, “T-Aktie” schon vergessen? Da wurde nichts verschenkt, sondern weit über Marktpreis verkauft (der Crash der “T-Akie”, schon vergessen?), auf dem Höhepunkt der DotCom-Blase hat der Finanzminister gigantischen Reibach mit dem alten Kupfernetz gemacht. Und das bringt uns zum wahren Problem.

    Was hat die Politik denn mit dem Reibach gemacht? Nicht für neue Digitalinfrastruktur ausgegeben. Genauso wenig die “UMTS Milliarden”. Denn eines ist klar, ohne massives Engagement des Staates geht das nicht. Dafür sind die Kosten zu hoch und die Endkundenpreise in Deutschland zu niedrig (in Österreich zahlt man ca. 15 € monatliche Grundgebühr mehr für VDSL100, in der Schweiz sogar knapp das doppelte), die Provider können das unmöglich aus Eigenmitteln stemmen. Auch die “böse” Telekom hat letztlich nichts gegen FTTH. Sie hat nur nicht die Mittel dafür (Ende 2015 lag der Schuldenstand netto bei 47,6 Milliarden Euro). All das hätte IMHO in eine differenzierte Sendung gehört. Diese Sendung war in weiten Teilen “wünsch dir was”.

    • mutax sagt:

      Hallo er1c,
      zugegeben habe ich einige Aussagen etwas überspitzt formuliert um die Probleme zu verdeutlichen, aber grundsätzlich stehe ich zu meinen Aussagen.

      In weiten Teilen muß man die TAL (Teilnahmeranschlussleitung/”Letzte Meile”) aber nun mal mit Klingeldraht vergleichen. Die Kabel sind teilweise steinalt, gerade die älteren sind kaum abgeschirmt und oft zu lang um darüber höhere Datenraten hinzubekommen. In meinem Mietshaus sind die Kabel zwar nach der Wende neu verlegt worden, aber selbst mit dem DSLAM im selben Gebäude(!) sind nur 2 MBit/s DSL möglich gewesen, weil die Kabel zu dünn und das Übersprechen mit den Leitungen der Nachbarn zu stark war.

      Dein Vergelich mit Ethernet ist an dieser Stelle deplaziert. Natürlich ist Kupfer als Kabelmaterial nicht obsolet, aber die verlegten Telefonleitungen sind mit Ethernetkabeln nicht zu vergleichen, die mit deutlich höherem Querschnitt daherkommen, als TwistedPair aufgebaut sind und je nach Kategorie über einzeln geschirmten Doppeladern verfügen.

      Ähnliches wie mitten in Berlin ist in dem Ort zu sehen, in dem meine Eltern wohnen – ich hatte den als FTTH-Ausbauort erwähnt. Dort werden in der einen Hälfte des Ortes unter 900kbit/s im Downstream per DLS erreicht – die Telekom ist sich aber nicht zu schade den vollen Preis für diese Leitung zu verlangen und nur jährlich kündbare Verträge abzuschließen.
      Trotz jahrelangem massivem Interesse der Anwohner und vielen Anfragen der Politik hat sich die Telekom hier erst bewegt, als die Stadtwerke versucht haben einen Fuß auf den Boden zu bekommen, vorher hieß es immer der Ausbau lohne sich nicht. Das hat mit fairem Wettbewerb wiederum nichts zu tun, hier mißbraucht ein Monopolist seine Marktmacht.

      Und natürlich geht unsere Kritik auch in Richtung der Politik, die sich seit Jahren von den Lobbyisten erzählen lässt, dass Breitband ja bei 1 MBit/s anfängt. Auch das haben wir gegen Ende der Sendung ausführlich angesprochen.

      Dein Argument dass die Anbieter keine symmetrischen Leitungen haben wollten hatten wir glaube ich ebenfalls angesprochen. Wir hatten hier gesagt, dass es keine technischen Gründe gibt warum die Leitungen asymmetrisch sind, sondern dass es rein finanzielle Interessen sind – um z.B. Produkte für die Geschäfskunden zu höheren Preisen anbieten zu können.
      Und die Owncloud war nur als ein griffiges Beispiel genannt. Wir hatten ebenso die Consumer NAS erwähnt die ein VPN zum Hersteller aufbauen oder als Ausblick VirtualReality Anwendungen, die vielleicht gerade im Entstehen sind.

      Natürlich hat das betreiben eigener Serverdienste Sicherheitsimplikationen – aber die sind auch schon bei geringer Bandbreite vorhanden!

      Welche verschiedene Möglichkeiten es gibt Glasfaser zu verlegen haben wir mit Rücksicht auf die Zeit nicht in die Sendung aufgenommen, da wir bei der Sendungsvorbereitung gemerkt haben, dass man dazu deutlich mehr erklären müsste und wir keinen Schwerpunkt bei der Technik setzen wollten, dazu gibt es genug Sendungen der vergangenen Jahre. Das FTTH als Shared Medium auch wenig Sinn ergibt ist uns klar, allerdings ist es einfacher die Kapazitäten hier zu erweitern da im Prinzip nur neue Fasern parallel in die Kabelwege eingezogen werden müssten – solange die Kupplungen nicht unter Asphalt verbuddelt werden sondern mit KVZ am Straßenrand gearbeitet wird.

      Grüße,
      mutax

  2. Tog sagt:

    @er1c:

    VDSL ist kein evolutionärer Zwischenschritt uns streckt auch nicht die Kosten über einen längeren Zeitraum sondern schiebt den größten Teil der Kosten vor sich her und vergrößert ihn dabei. Mit VDSL wird eine Netztopologie zementiert, die für Glasfasernetze ungünstig ist, mit unzähligen kostspieligen Zwischenpunkten, die für VDSL verzichtbar und für FTTH nutzlos sind.
    FTTH wird manchmal asymmetrisch betrieben, aber große auch in Deutschland tätige Provider bieten standardmäßig symmetrische Anschlüsse an. Symmetrische DSL-Anschlüsse sind im Download noch deutlich langsamer als andere DSL-Varianten: Da wird also keineswegs der Upstream auf ein zeitgemäßes Niveau gehoben, sondern die Symmetrie kommt im Prinzip durch Ausbremsen der Downloads. Solche kontraproduktiven Methoden um Symmetrie zu erreichen sind bei FTTH überflüssig. Da ist beides schnell.
    Provider haben kein Problem mit Uploads. Die sind quasi kostenlos, weil Provider untereinander jeweils die stärker beanspruchte Richtung abrechnen und die umgekehrte Richtung den Preis nicht treibt. Ungenutzte Bandbreite (und das ist in Access-Netzen die Upload-Richtung) ist verschwendete Bandbreite.
    Fotos sind heute das Beispiel für Upload-Anwendungen, weil andere wirklich bandbreitenintensive Anwendungen an bisherigen Netzen scheitern. Tatsächlich kann man auch über einen schnellen VDSL-Anschluss mit akzeptabler Geschwindigkeit Fotos hochladen. So ein Anschluss setzt aber eine geringe Entfernung zum Outdoor-DSLAM voraus und kostet auch nicht weniger als viel schnellere FTTH-Anschlüsse. Dass die Upload-Anwendung für Einsteiger in richtiges Internet mit VDSL noch machbar ist, sagt über die Zukunftsfähigkeit von VDSL deshalb nichts aus.

    “Kupfer aus Kaisers’ Zeiten” hat die Telekom selbst die Telefonleitungen genannt, als sie noch nicht gemerkt hatte, dass sie sich auch für VDSL fürstlich entlohnen lassen kann und selbst Glasfaser verlegt hat. Die Kritik an Kupfernetzen ist also keineswegs eine Sache, die die Konkurrenz erfunden hat. Es gibt auch niemanden, der ernsthaft die technischen Probleme in Frage stellt, die mit der Übertragung auf Kupferleitungen einhergehen. Für sehr kurze Distanzen haben Kupferleitungen Handlingvorteile. Alles über 100m ist fest in der Hand von Glasfaser, selbst innerhalb von Gebäuden.

    Bei GPON wird Glasfaser in der Tat als shared medium betrieben. Wenn man so ein Netz richtig strukturiert, muss bei einer Aufrüstung nicht wieder gegraben werden. Der Aufrüstaufwand kann aber trotzdem nennenswert sein. Die Telekom setzt dort, wo sie FTTH anbietet, auf GPON. PtP-Netze haben Vorteile und werden von anderen großen FTTH-Providern in Deutschland und anderen Ländern auch eingesetzt. In dem Fall ist jedem Anschluss eine Glasfaserleitung exklusiv zugeordnet.

    Andere Provider machen auch vor, dass man FTTH-Ausbau sehr wohl privatwirtschaftlich finanzieren kann. Die machen das sogar unter erschwerten Bedingungen, weil ihr größter Konkurrent Milliarden aus der Förderung von VDSL-Technik einstreicht, mit Rückendeckung der Bundespolitik. Wenn es unter solchen Voraussetzungen für viel kleinere Unternehmen finanzierbar ist, FTTH zu bauen, dann ist es das auch für die Telekom. Sie will es nur nicht, solange sie für das Kupfernetz alimentiert wird.

  3. Red sagt:

    Eeendlich mal wieder ein echter guter CR Beitrag :)

  4. zeroFX sagt:

    Gute Sendumg, eteas knapp, aber geht halt nicht anders. Aber wo sind die Shownotes?

  5. Mathias Panzenböck sagt:

    Empfinde ich ein bisschen jammern auf hohem Niveau in der Sendung. :P
    Wo ich wohne (~25km südlich von Wien) wird es in ein oder zwei Jahren fiber to the neighborhood geben. ADSL geht hier grade bis zu 2.75Mbps down. Ich mach Internet über einen T-Mobile 3G/4G router. Den betreibe ich aber im 3G Modus, weil das so viele Leute hier in der Gegend haben, dass 4G überlastet und langsamer als 3G ist. Bekomme also unter Tags grad mal 10Mbps down. In der Nacht (nach 2 Uhr Früh oder so) geht es mit 4G bis zu 45Mbps down (der Vertrag ist für 50Mbps down, 10Mbps up). Und ganz oft fliegt man einfach so aus dem Internet, egal ob 3G/4G oder DSL. DSL vor allem bei Regen oder Gewitter (ja DSL, nicht 3G/4G). Hab gehört in anderen Ortsteilen bekommen sie grade mal 1.5Mbps über ADSL. Beim Hausarzt hab ich auch garkein Internet am Handy. Alles ganz schrecklich. Nennt sich Industrieviertel hier. Ja, voll.

  6. Alex sagt:

    Hallo, zwei Anmerkungen. Erstens ist mir aufgefallen, dass ihr die Anrufer ziemlich abgewürgt habt, obwohl beides absolut valide Kommentare waren. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass viele Leute mit VDSL2 absolut zufrieden sind, und den ganzen FTTH Hickhack nicht verstehen. 100 Mbit/s auf uralten ungeschirmten Kupferleitungen ist technisch durchaus beeindruckend und mit recht wenig Aufwand erhältlich. Natürlich nur eine “Brückentechnologie”, aber dafür schon seit 1-2 Jahren zu kriegen. Was der Anrufer noch erwähnt hat, nämlich dass gegen die Telekom geklagt wird (?), wurde dann von euch gar nicht mehr aufgegriffen. Der zweite Anrufer hat dann meiner Meinung nach das Sendungsthema exakt getroffen, es geht ja schließlich um den GlasfaserAUSBAU. Es führt nicht zu weit, mal über ganz andere Konzepte der Infrastrukturversorgung nachzudenken, schließlich sollte das Chaosradio auch immer etwas Utopie und Idealismus mitführen. Die Sendung war insgesamt schon sehr in der zähen Realität angesiedelt. Also, gebt dann doch bitte Anrufern etwas mehr Zeit und toleriert es, wenn mal eine Frage nicht perfekt geschliffen gestellt wurde, oder lasst die Anrufer ganz weg. In dieser Sendung war das ne unbefriedigende Sache.

    Nun noch eine technische Spinnerei. Ich wohne in Berlin in so einer typischen Vorderhaus plus Hinterhof Gegend in Kreuzberg. Bis man hier überall FTTH hat, vergehen wahrscheinlich noch viele viele Jahre. Ich habe mich daher schon öfter gefragt, warum man nicht vorne an der Straße einen Haus-Switch + Router mit Glasfaser-Uplink betreibt, und in jede Wohnung ein CAT6-Kabel verlegt. Das kostet sehr wenig, ist robust und schafft mind. mal 1 Gbit/s, bei Längen unter 50m sogar 10 Gbit/s. Pro Haushalt hat man dann halt keine Fritzbox mehr, sondern z.B. einen openWRT-Router, der WLAN und weitere Gbit/s LAN Ports zur Verfügung stellt. So braucht man nicht auf FTTH warten, teilt sich die Kosten für einen schnellen Anschluss (etwas QoS muss man natürlich implementieren) und ist infrastrukturell extrem zukunftssicher, wenn jede Wohnung bis zu 10 Gbit/s bekommen könnte (dann bräuchte man natürlich neue Endgeräte, aber das bräuchte man sowieso). Wäre wirklich mal einen Versuch wert, auch, was für einen Einfluss das auf die Hausgemeinschaft hätte, da man ja z.B. ein zentrales Wiki, eine owncloud und 1-2 Freifunk-Router in das Netzwerk integrieren könnte. Die Minimalvariante wäre z.B. ein Gbit-Glasfaser-Anschluss, ein 24 Port TP-Link Gbit-Switch, ein paar 20/30/50m CAT6 Kabel und pro Haushalt so einen TP-Link WR841ND (für 100 Mbit/s) oder den WR1043ND (für 1 Gbit/s), jeweils mit openWRT.

    Nur mal so als Denkanstoß, im Sinne von DIY, die Infrastruktur gehört uns, etc….

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